W221 Fahrtbericht S500 - FAZ

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    Fahrtbericht: Mercedes-Benz S500: Ohne Spektakel mit der Würde des Fortschritts - Auto & Verkehr - Technik & Motor - FAZ.NET

    7. Februar 2006 Ein gutes Stück Auto steht da herum. Selbstbewußt, etwas aufgeplustert und im Design nicht ganz so eigenständig wie erwartet. Dennoch: wohl das beste Mobil seiner Klasse. Sicher ist: Der S 500 ist zur Zeit eine von zwei Limousinen der Extraklasse von Mercedes-Benz. 285 kW (388 PS) liefert der Fünfeinhalb-Liter-V8. Doch nicht allein die schiere Leistung beeindruckt, der Wagen birgt mit seinen Assistenz- und Sicherheitssystemen eine für den Fahrer kaum noch begreifbare Komplexität. Beinahe überrascht, daß die neue S-Klasse nach dem simplen Druck auf den Startknopf, dem Einspannen der Fahrstufe am siebengängigen automatischen Getriebe und dem Druck aufs Gaspedal einfach losfährt. Ohne Spektakel.

    Vorher jedoch gibt es die Mercedes-Benz-Gala in drei Akten auf fünf Meter Länge. Der kraftvoll wirkende Vorderwagen trägt den Stern mit mehr Nachdruck, als dies dem Vorgänger gelang, der hohe Grill formuliert nicht nur den Anspruch auf Macht, sondern zeugt auch von Nachsicht. Die Vorschriften des Fußgängerschutzes stehen dahinter. Das Armaturenbrett wirkt eher technisch als teutonisch. Die Multikontursitze gleichen opulenten Sesseln, sie massieren auf Wunsch und mit einstellbarer Intensität die Rücken von Fahrer und Beifahrer, stützen mit ihrer fahrdynamischen Funktion Lenden und Schultern, um den Fliehkräften der Kurvenfahrt entgegenzuwirken. Um keinen Deut schlechter reisen die Passagiere im Fond. Kopf- und Beinfreiheit entsprechen den hohen Erwartungen an die Oberklasse, eine eigene Klimaanlage sorgt hier für angenehme Temperaturen. Das Heck schließt im Wortsinn mit schlüssiger Form und einer nicht unsympathischen, hohen Kante. Die Klappe über dem 560 Liter fassenden Gelaß wird elektrisch geschlossen. Die Sitzposition kann tadellos passend eingestellt werden. Dann schweift der Blick über die Weite der Armaturentafel und bemerkt ein Zugeständnis an die feine Tachometer-Monitor-Lösung. Der Bildschirm in der Mitte des Instrumententrägers blendet Kilometerskala, Tachonadel und auf Wunsch die Informationen des Bordcomputers prachtvoll ablesbar ein. Seine Ausmaße rücken jedoch den analogen Drehzahlmesser an den rechten Rand des Feldes. Irgendwie liegt er nicht gut im Blick, wer das linke Auge kurz schließt, bemerkt, warum. Dann verschwindet der Tourenzähler hinter dem Lenkradkranz, die Drehzahlangabe wird also nur mit einem Auge wahrgenommen.
    Internationaler Flair als Geschäftswagen: Den S500 sieht man ebenso gern im Hochtaunus wie im Herbst in New England.

    Das aber stört nicht wirklich, denn wenn der V8 nach dem Druck auf den Startknopf sanft und kraftvoll ins Leben tritt, steht seine opulente Leistung bei nahezu jeder Tourenzahl in angespannter Wachsamkeit bereit. Schon bei 2000 Umdrehungen in der Minute liegen knapp 480 Newtonmeter an, dieser Wert bleibt bis 5800 Umdrehungen erhalten. Ein kurzer Gasstoß führt zu immensem Vorwärtsdrang, in bestimmten Fahrzuständen bittet die Automatik dann um einen kleinen Moment des Reflektierens, welche der sieben Fahrstufen denn in Abhängigkeit von Geschwindigkeit und Beschleunigungswunsch die richtige sei. Wer die Wahl hat, quält sich eben bisweilen.

    Das Drücken der Taste Sport strafft die S-Klasse spürbar. Dann reagiert der Motor deutlich direkter auf das Gaspedal, auch der Automat wirkt weniger zögerlich. Allerdings dreht er die einzelnen Fahrstufen länger aus. Erkauft wird die nochmals gesteigerte Agilität - Lenkung und Federung geben sich nun auch bei niedrigerem Tempo sportlicher - mit einem kleinen Verlust an Komfort. Auf der Kurzstrecke mag dies dienlich sein, bei Reisefahrten kann sich der S-500-Fahrer getrost den Entscheidungen der Elektronik anvertrauen. Nie wirkt die Luftfederung des Fahrwerks zu weich, kaum eine Unebenheit bereitet ihr Schwierigkeiten.

    Die Sport-Einstellung führt unterdessen zu einem Zuschlag auf die ohnehin hohen Durchschnittsverbräuche. Zwischen 10,9 und 17,2 Liter je 100 Kilometer pendelt der Konsum, das spätere Wechseln der Fahrstufen in der sportlichen Abstimmung verursacht einen um bis zu einen Liter höheren Konsum. Bei 15,7 Liter Superbenzin lag unser Mittelwert. Das Tankvolumen trägt dem kräftigen Durst mit 90 Litern Rechnung.

    Was niemals verlorengeht, ist die Handlichkeit des S 500. Trotz des erheblichen Gewichts von 2010 Kilogramm prescht der Wagen leichtfüßig voran, wedelt munter durch enge Kurvenkombinationen und vermittelt eine Menge Vergnügen am Lauf der Straße. Anfangs mögen die aktiven Seitenpolster der Fahrdynamik-Sitze (je 1821 Euro) noch ein wenig verwirren, spätestens nach der zweiten zügig gefahrenen Spitzkehre lernt der engagierte Fahrer ihre stützende Wirkung zu schätzen. Die Seitenneigung der Karosserie hält sich in engen Grenzen, das Eintauchen in Kurven um die Längs- und beim Bremsen um die Querachse wird gut vermindert. Dies und die exakte, viel vom Fahrbahnzustand übermittelnde Lenkung bereiten dem Sportwagengefühl in der Oberklasse ein gelungenes Entree.

    Die Bremsen sprechen mit feiner Präzision an, erfreuen mit einem klar definierten Druckpunkt und steigern ihre Wirkung in höchst sensibler Dosierbarkeit. Hilfreich ist die neue Distronic, nun mit dem Kürzel plus versehen. Sie hält auf Wunsch den Abstand zum vorausfahrenden Wagen zuverlässig, man kann ihn manuell einstellen, bleibt dabei stets innerhalb der gesetzlich erlaubten Distanzen und vermeidet den Aufstieg in die Punkteränge. Besonders im stockenden Kolonnenverkehr kann der Automat begeistern, er bremst den Wagen sanft bis zum Stillstand, eine leichte Berührung des Gaspedals oder des Distronic-Kontrollhebels läßt ihn wieder anfahren.

    Die Bedienung der neuen S-Klasse birgt kaum Risiken und Nebenwirkungen. Die Kontrolle der verschiedenen elektronischen Funktionen über das zentrale Rändelrad auf der Mittelkonsole gelingt mühelos, die Symbolik auf dem Monitor im Armaturenbrett - Fahrer und Beifahrer können ihn gleichermaßen gut sehen - ist logisch und eindeutig. Die einzelnen Menüs sind erfreulich flach gehalten und verhindern, daß sich der Hilfesuchende in irgendwelchen Tiefen verliert. Die Primär-Informationsebenen lassen sich zudem direkt über Drehsteller und Tasten am Multifunktionslenkrad oder auf dem Getriebetunnel anwählen.

    Der Wahlhebel der Getriebeautomatik hat seinen Platz jetzt rechts an der Lenksäule, die Eigenheit von Mercedes-Benz, die Scheibenwischer-Betätigung mit dem Blinkerhebel zu kombinieren, verhindert, daß statt Gangwahl versehentlich die Wischer aktiviert werden, wie dies bei ähnlichen Lösungen anderer Hersteller der Fall ist. Nicht ganz so glücklich sind die Schalter der Fensterheber gestaltet, sie zu ertasten erfordert gerade bei Nachtfahrten einige Übung.

    Der S500 ist ein Automobil, in dem sein Besitzer vermutlich viel Reisezeit verbringt. Die üppigen Ablagemöglichkeiten in den Türtaschen, auf und in der Mittelkonsole sowie in den sogenannten Pompadourtaschen an den Rückseiten der Vordersitze und Fächer in der Mittelarmlehne im Fond sorgen für Ordnung in den Reihen der Reiseutensilien. Besonders empfehlenswert ist in der langen Sonderausstattungsliste die Einparkhilfe Parktronic (777 Euro), denn die Karosserie ist nicht sonderlich übersichtlich gestaltet. Nach Schlechtwetterfahrten erschweren verschmutzte und ohnehin zu kleine Außenspiegel den Blick zurück.

    Aber darin erschöpft sich die Kritik am S 500 beinahe schon. Die neue S-Klasse ist nicht nur ein starkes, sondern auch ein tadellos verarbeitetes, angenehmes Automobil. Beeindruckend ist die Abwesenheit von Spektakel und die Selbstverständlichkeit, mit der Fortschritt im Dienste des Fahrens zelebriert wird. Unser leises Servus zum Abschied klang ein bißchen traurig, aber gleichermaßen beeindruckt von der Würde des Wagens.


    Text: F.A.Z., 07.02.2006, Nr. 32 / Seite T3
     
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